Reingelesen: Bückbürgertum von Ulf Poschard

Bückbürgertum von Ulf Poschardt ist ein Buch, das polarisiert. Es liegt irgendwo zwischen einer ehrlichen Kritik an unserer Gesellschaft und einer gewissen Nostalgie für alte Zeiten. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde Poschardt diesmal nicht einfach nur laut seine Meinung sagen, sondern uns allen den Spiegel vorhalten und vor dem Bequemwerden warnen.

Trotzdem – oder genau deswegen – ist Bückbürgertum ein Buch, das man nicht so schnell weglegt. Es provoziert, es unterhält und bringt einen zum Nachdenken, auch wenn das nicht immer angenehm ist. Mein Verhältnis zu diesem Buch ist daher, wie auch schon bei Shitbürgertum, zwiegespalten: Ein Teil von mir ist begeistert davon, wie treffend er die eigene Gesellschaftsschicht beschreibt. Ein anderer Teil ärgert sich über manche übertriebene Pauschalisierung und das Festhalten an alten Streitthemen. Aber scheinbar genau das macht das ganze ja spannend.

_Was mich begeistert: Die positive Seite des Buches

Was man Poschardt lassen muss: Er weiß genau, wie er Schwachstellen im Alltag aufdecken kann. Nachdem er im letzten Buch die Dauer-Mörgler aufs Korn genommen hat, geht es diesmal um diejenigen, die alles mit sich machen lassen: die „Bückbürger“. Damit meint er Menschen, die aus Angst vor Streit oder falscher Meinung lieber den Kopf einziehen, stumm mitnicken und ihre eigenen Werte viel zu schnell aufgeben. Diese Beobachtung trifft oft genau ins Schwarze.

Er entlarvt dieses reine Mitläufertum von Menschen, die sich lieber anpassen, anstatt Haltung zu zeigen. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich dieses Muster im Alltag immer öfter. Das Buch ist direkt geschrieben, verständlich aufgebaut und voll von Beispielen aus der heutigen Popkultur und dem Alltag. Dadurch liest es sich extrem flüssig weg – keine trockene Wissenschaft, sondern ein echter Denkanstoß. Das funktioniert einfach.

_Was mich stört: Die negative Seite der Kritik

Mein Hauptkritikpunkt ist allerdings, dass das Buch an manchen Stellen zu sehr ins Schwarz-Weiß-Denken abrutscht. Nicht jede Veränderung in der Gesellschaft ist gleich ein Einknicken oder ein Verlust von Werten – manchmal ist es auch einfach ganz normaler Fortschritt oder Rücksichtnahme. Poschardt neigt dazu, einzelne Beispiele zu nehmen und so zu tun, als würde die ganze Gesellschaft den Bach runtergehen.

Das liest sich zwar unterhaltsam, nimmt der Argumentation an einigen Stellen aber auch die Tiefe. Man hat ab und zu das Gefühl, dass hier vor allem der persönliche Frust über den Zeitgeist aufgeschrieben wurde, statt die Dinge mal von allen Seiten zu beleuchten.

Unterm Strich bleibt Bückbürgertum trotz aller Schwächen eine lohnenswerte und extrem unterhaltsame Lektüre. Auch wenn man nicht in jedem Punkt mit Poschardt übereinstimmt – und sich an manchen Stellen vielleicht sogar über seine spitze Zunge ärgert –, zwingt das Buch einen dazu, die eigene Bequemlichkeit im Alltag zu hinterfragen. Es liefert reichlich Gesprächsstoff für die nächste Diskussion mit Freunden und zeigt, wie wichtig es ist, wieder öfter eine klare Haltung einzunehmen, anstatt einfach stumm mitzulaufen. Wer Lust auf einen knackigen gesellschaftlichen Denkanstoß hat und auch mal ein bisschen Reibung vertragen kann, sollte hier definitiv mal reinlesen.

Kategorien: Entertainment, Reingelesen
Markus

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Vater, Fotograf, Blogger, Medienmensch, alles eher autodidaktisch, aber alles mit ganz viel Leidenschaft. Ist auch bei Twitter & Instagram unterwegs. Natürlich kann man mir auch bei Facebook folgen. Zusätzlich blogge ich auf markusroedder.de über Dinge, die hier keinen Platz finden.