Reingelesen: Jenseits der Brandmauer von Jan „Monchi“ Gorkow

Wer gedacht hat, dass Jan „Monchi“ Gorkow nach seinem grandiosen und tief ehrlichen Buch Niemals Satt schon sein gesamtes Pulver verschossen hat, wird mit seinem Werk Jenseits der Brandmauer eines Besseren belehrt. Schon Monchis Erstling war eine packende, kompromisslose und mitreißende Achterbahnfahrt der Gefühle, die einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselte. Umso größer war die Spannung, wie der Frontmann von Feine Sahne Fischfilet seinen Weg als Autor fortsetzt. Die kurze Antwort vorweg: Jenseits der Brandmauer legt noch einmal eine gewaltige Schippe drauf. Es ist ein Buch voller Dringlichkeit, Herzblut, Schweiß und ungeschminkter Realität – und wahrscheinlich eines der wichtigsten Bücher unserer Zeit.

Monchi nimmt uns mit zurück an die Basis, in die ostdeutsche Provinz nach Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern. Dahin, wo andere längst das Weite gesucht haben oder die Region achselzuckend aufgeben. Er erzählt nicht aus dem elitären Elfenbeinturm der Großstadt-Schickeria über die deutsche Provinz, sondern mitten aus dem Leben. Er schreibt über das legendäre, von ihm mitorganisierte Festival Wasted in Jarmen, über schiefgelaufene Träume, unbändige Energie und den schmalen Grat zwischen absoluter Überforderung und dem tiefen Gefühl, etwas echtes Eigenes auf die Beine zu stellen.

Besonders stark und aufrüttelnd wird das Buch dort, wo Monchi den Finger in die offenste Wunde unserer Gegenwart legt: den drastischen Wahlerfolg der AfD im Jahr 2025 in seiner Heimatstadt Jarmen sowie die spürbare gesellschaftliche Spaltung. Wer hier eine abgehobene Belehrung oder platte Parolen erwartet, kennt Monchi schlecht. Er beschreibt ungeschönt und schmerzhaft ehrlich, was es bedeutet, wenn die Kneipe, in der man sein DIY-Festival plant, gleichzeitig als Treffpunkt für den AfD-Stammtisch dient. Wenn der Nachbar neben dem Proberaum plötzlich Flaggen hisst, die einem den Magen umdrehen, man sich aber trotzdem beim gemeinsamen Skatepark-Bau für die Jugendlichen im Dorf wiederbegegnet.

Monchi bricht das abstrakte Schlagwort der „Brandmauer“ auf die absolute Realität vor Ort herunter. Er zeigt, dass man Haltung zeigen muss, ohne sofort jeden Gesprächsfaden komplett abreißen zu lassen. Er verharmlost nichts, redet nichts schön, plädiert aber mit einer unglaublichen Wärme dafür, sich nicht in bequemes Schwarz-Weiß-Denken zu flüchten. Er stellt unbequeme Fragen: Wie geht man mit Menschen um, die man sein Leben lang kennt, die sich aber in gefährliche politische Fahrwasser verabschiedet haben? Wie bleibt man kopfoben und optimistisch, wenn der Wind von rechts immer rauher bläst?

Seine Schreibweise ist dabei genau wie schon in Niemals Satt: direkt, rau, unfassbar sympathisch, oft humorvoll und voller ungebündelter Energie. Man hört beim Lesen quasi seine Stimme aus jeder Zeile heraus. Monchi schafft es wie kaum ein anderer, schwere politische Debatten nahbar, zutiefst menschlich und emotional greifbar zu machen.

Jenseits der Brandmauer ist kein theoretisches Manifest, sondern eine leidenschaftliche Liebeserklärung an die Heimat, ein Plädoyer fürs Bleiben und Durchhalten und eine mitreißende Aufforderung zum Anpacken. Wer schon Niemals Satt geliebt hat, wird von diesem Buch vollends begeistert sein!

Ich finde übrigens, dass Monchi auch für die Reihe “Eine Liebeserklärung” das Buch über Hansa Rostock schreiben sollte.

  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erscheinungstermin: 13.08.2026
  • ISBN: 978-3-462-05530-6
  • 240 Seiten
  • Autor: Monchi
Kategorien: Entertainment, Reingelesen
Markus

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