Shitbürgertum von Ulf Poschardt, ein unentschlossenes Werk, das zwischen spießiger Provokation und einer leicht verstaubten Nostalgie pendelt. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde Poschardt mit einem aufgeschlagenen Kragen aus den 80ern versuchen, die Millennials zu schockieren. Dennoch, oder genau deswegen ist Ulf Poschardts Shitbürgertum ein Buch, das man nicht einfach zur Seite legen kann.
Es provoziert, es unterhält und regt zum Nachdenken an – aber nicht immer im besten Sinne. Mein Verhältnis zu dieser Streitschrift ist daher gespalten: Ein Teil von mir ist begeistert von der Analyse und der stilistischen Brillanz, ein anderer Teil ärgert sich über die intellektuellen Kurzschlüsse und die allzu plakative Schwarz-Weiß-Malerei.
_Was mich begeistert: Die positive Seite des Buches
Was man Poschardt zugutehalten muss, ist seine Fähigkeit, den Finger direkt in die Wunde zu legen. Er beschreibt das Shitbürgertum als eine neue Form des Opportunismus, eine Art bürgerliche Spießigkeit im hippen, “grün-alternativen” Gewand. Diese Diagnose trifft oft einen Nerv: Poschardt entlarvt die Heuchelei einer vermeintlich fortschrittlichen Elite, die mit E-Lastenrad und Biokiste zwar Moral signalisiert, aber im Kern oft nicht weniger nach Status und Sicherheit strebt als das alte Bildungsbürgertum. Wenn man will und ehrlich zu sich selber ist, erkennt der ein oder andere sich selber vermutlich sehr schnell wieder.
Die Polemik ist scharf, die Beispiele sind treffend und seine Sprache ist messerscharf. Er jongliert mit Ironie und Sarkasmus und schafft es, komplexe gesellschaftliche Phänomene in knackigen Slogans zu verpacken. Das Buch liest sich daher nicht wie eine trockene soziologische Abhandlung, sondern wie eine mitreißende Tirade, die einen dazu zwingt, über die eigenen Gewohnheiten und Widersprüche nachzudenken. Funktioniert.
_Was mich stört: Die negative Seite der Kritik
Die anfängliche Kritik ist, dass Poschardts Streitschrift, die ein echtes Plädoyer für Individualität sein sollte, in ihren eigenen Klischees gefangen bleibt. Er kritisiert das Spießertum, reproduziert aber gleichzeitig ein veraltetes Bild des Rebellen, das fast so steif ist wie das, was er zu verachten scheint. Die versprochene Unordnung entpuppt sich als eine sorgfältig kuratierte Liste von Coolness-Artefakten – Plattenspieler, maßgeschneiderte Kleidung, italienische Autos – die eher nach einem Lifestyle-Magazin für Besserverdienende klingen als nach einer echten Rebellion.
Allerdings kann die eben angesprochene Schärfe, die das Buch so lesenswert macht, auch zu seinem größten Manko werden. Poschardt neigt öfters dazu, seine Thesen zu verallgemeinern. Die Welt, die er zeichnet, ist eine simple Zweiteilung: Hier der Shitbürger, dort der vermeintlich authentische, freie Geist. Diese Reduktion wird schnell anstrengend. Es entsteht der Eindruck, dass jeder, der einen gewissen Lebensstil pflegt – sei es der Kauf regionaler Produkte oder das Engagement für Umweltschutz – automatisch in die Schublade des „Shitbürgers“ gesteckt wird.
Differenzierung sucht man hier oft leider vergebens und vielleicht ist sie auch nicht erwünscht. Die Kritik verkommt zu einem einzigen Klischee und ignoriert die komplexen Motivationen und Lebensrealitäten vieler Menschen. Anstatt eine ernsthafte Analyse zu liefern, schießt Poschardt lieber aus der Hüfte und trifft dabei oft auch diejenigen, die sich redlich bemühen, ihre Ideale im Alltag umzusetzen, wo ich mich ganz klar auch hinzufüge. Der positive Ansatz, den er selbst als Gegenentwurf propagiert – eine Art bürgerlicher Hedonismus oder Nonkonformismus – bleibt dabei oft unkonkret und wirkt eher wie ein Appell an eine exklusive Gruppe, die sich selbst als überlegen empfindet. Man wünscht sich, er hätte seine Polemik mit mehr Substanz und weniger pauschalen Angriffen unterfüttert.


_Wendepunkt.
Irgendwann in der Mitte der Lektüre hatte ich einen kleinen Gedanken. Vielleicht ist dies Buch auch keine Anleitung zur Unordnung, sondern ein liebevoller Blick auf die 80er, auf diese Zeit der Rebellion. Quasi eine Zeitkapsel. Plötzlich wirkt die Provokation charmant. Ulf Poschardt beschreibt dann nämlich nicht, wie man heute lebt oder zu leben hat, sondern wie eine Generation glaubt, leben zu müssen. Verständnis mit eigenem Perspektivwechsel. Überraschend.
Mein persönliches Fazit aus dem Buch? Sei doch einfach mal du selbst und mach einfach dein Ding, ohne ständig zu versuchen, irgendwie die absolut perfekte (Un)ordnung zu kreieren. Lebe richtig, nicht in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke, sei du selbst und nicht das Produkt, was sich andere von dir erhoffen.
- Herausgeber: Westend
- Erscheinungstermin: 22. April 2025
- Auflage: 1. Auflage
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe: 176 Seiten
- ISBN-10: 3987913312
- ISBN-13: 978-3987913310

