/

Reingelesen: Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen (von Björn Fischer / Hirnkost-Verlag)

523 mal gelesen
3 Min. Lesezeit
Rock O Rama Buch

Punk möchte provozieren, schon immer. Je mehr es anderen übel aufstößt, umso besser. Auch das Label Rock-O-Rama stößt heute übel auf, schließlich ist es heute einer der größten Vertriebe für Rechtsrock-Musik. Aber bevor dieser Schritt kam, war ein Rock-O-Rama ein kleines Label für Deutsch-Punk und genau hierum geht es in dem Buch von Björn Fischer.

History: Ich erinnere mich noch gut an unseren Sommerurlaub auf Sylt, das muss 86 oder 87 gewesen sein, als auch sehr vielen Punks auf der Insel verweilen und die Friedrichstraße oder den Hauptstrand belagerten, am Brunnen mit der Dicken Wilhelmine schnorrten und den Brunnen sogar mit Schaumbad füllten, um darin zu baden.

Ich fand als 9 oder 10-Jähriges Kind spannend, manchmal auch beängstigend, das Schaumbad in der Dicken Wilhelmine allerdings fand ich sehr witzig. Musikalisch war Punk für mich damals lediglich Die Ärzte, Die Toten Hosen, etwas später dann Dimple Minds, Slime oder Hass.

Aber ich schweife ab, hier geht es jetzt um ein Buch, das sich auf über 400 Seiten mit der Geschichte eines Labels aus Brühl beschäftigt, das in seiner Anfangszeit Punkrock und Hardcore Punk aus Deutschland vertrieb und recht schnell zu dem wohl größten Vertrieb für Rechtsrock wurde – bis heute!

Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen

Björn Fischer hat sich in seinem Buch „Rock-O-Rama – Als die Deutschen kamen“ hauptsächlich mit dem Label und den Bands der Anfangsgeschichte von ROR beschäftigt. Es geht um Bands wie Razors, OHL, Cotzbrocken, dem wichtigen Label-Sampler „Die Deutschen kommen“, um weitere Bands wie Stosstrupp, Die Alliierten und Böhse Onkelz (die allerdings recht wenig Beachtung im Buch finden, da sie auch nur kurz bei R-O-R waren und dort am Ende schnell weg wollten) bis hin zu Rechtsrock-Bands wie Skrewdriver, Endstufe, Kahlkopf oder Störkraft und am Ende kam natürlich und zu recht auch der Verfassungsschutz dazu.

„Rock-O-Rama ist nicht unbedingt das wichtigste, aber wohl das kontroverseste deutsche Punk-Label gewesen“.

Björn Fischer, Musikjournalist, Schlagzeuger und Punk

Fischer geht chronologisch vor. Seit der ersten Veröffentlichung im April 1980 schlendert er an über 40 weiteren Veröffentlichungen entlang. Neben den Geschichten und Erlebnissen der Bands, von Labelmitarbeitern und Besitzern anderer Plattenläden gibt es immer wieder abgedruckte Reviews aus diversen Fan- und Magazinen, alte Fotos und Zeitungsauschnitte sowie alte Verträge, Werbeanzeigen von Rock-O-Rama und Konzertplakate bzw. Flyer.

Fast alle Bandmitglieder bezeugen mehr oder weniger schlechte Deals, einen miesen Sound (weil die Studios oft mit Punk nichts anfangen konnten) und die hohe Einflussnahme von Egoldt auf die Covergestaltung sowie die Musik. Sie waren schlicht froh, dass da jemand war, der alle Produktions- und Studiokosten übernahm, am Ende war es scheinbar Egal, dass er auch einen Großteil der Einnahmen für sich behielt, man hatte immerhin eine eigene Platte in der Hand.

Im Buch Rock-O-Rama Als die Deutschen kamen gibt es neben vielen Infos sehr viel zu entdecken und dafür muss man noch nicht mal ein großer Deutschpunk-Fan sein, sondern einfach etwas Interesse an Musikgeschichte haben, denn dazu gehört auch dieses Label definitiv!

Klappentext:

Bands mit provokanten Namen wie Böhse Onkelz, Cotzbrocken, Oberste Heeresleitung oder Stosstrupp sorgten bereits in der Frühphase der wohl kontroversesten deutschen Schallplattenfirma medial für reichlich Zündstoff: Tonträger wurden indiziert, zensiert oder staatsanwaltschaftlich beschlagnahmt.

Wenige Jahre später hatte sich das einstige Kultlabel für Punks in einen weltweit agierenden Rechtsrock-Vertrieb verwandelt. So sich als Rechtsrock-Mekka ab Mitte der 1980er Jahre konstant im Fadenkreuz des Verfassungsschutz befindend, ist Rock-O-Rama bis heute ein ergiebiges Diskussionsthema innerhalb der deutschen Jugendsubkulturen, der Poliz-Szenen und des Musik-Undergrounds gleichermaßen.

Eine Unmenge obskurer Anekdoten und haarsträubender Storys ranken sich um den konsequent medienscheuen Firmenchef Herbert E.: Gerüchte über „abgeschnittene Ohren“ und die Unterwanderung der Punk-Szene durch die NPD machen die Runde. Dieses Buch bringt auf über 400 Seiten endlich Licht ins Dunkle der Legenden, Mythen und Mysterien und offeriert dabei nicht nur Musik-Nerds und Szene-Insider:innen exklusive Background-Infos, sondern leisten darüber hinaus auch einen zentralen Beitrag zur Historie des Rechtsrock-Nucleus in Europa.

Das Buch ist sehr gut recherchiert, Björn Fischer gräbt tief, glänzt durch ein beachtliches Fachwissen und erzählt die Geschichte aus einer objektiven Sichtweise heraus, was das Buch noch mal interessanter macht.

Man könnte bemängeln, dass nicht tiefer darauf eingegangen wurde, dass Egoldt lange mit dem rassistischen Ian Stuart Donaldson (der Skrewdriver nach der Auflösung neu gegründet hat und auch für das Netzwerk Blood and Honour verantwortlich ist) kooperiert hat und dass Hinweise darauf fehlen, dass manche Punkbands schon damals rechtsoffen waren.

Am Ende hätte dies vermutlich den Rahmen des Buches gesprengt, aber wer weiß, vielleicht gibt es ja mal einen zweiten Teil, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt und den mittlerweile verstorbenen Herbert Egoldt und seine Ausflüge in die rechtsbraune Ecke genauer beleuchtet.

Verlag: Hirnkost
Autor: Björn Fischer
Hardcover mit Lesebändchen und zahlreichen Abbildungen
448 Seiten
ISBN: 978-3-949452-00-0

Links: Shop / Instagram (Buch) / Instagram (Verlag)

Markus

Vater, Fotograf, Blogger, Medienmensch, alles eher autodidaktisch, aber alles mit ganz viel Leidenschaft. Ist auch bei Twitter & Instagram unterwegs. Natürlich kann man mir auch bei Facebook folgen. Zusätzlich blogge ich auf markusroedder.de über Dinge, die hier keinen Platz finden.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.